Juneau Icefield Durchquerung 2011

176 km in 42 Stunden reiner Gehzeit. 3900 km² Eisfläche, ein gewaltiger Spielplatz fernab jeder Zivilisation, dessen Gletscher bis ins Meer reichen, liegt nun hinter uns. Das Juneau Icefield mit seinem bis zu 1300 Meter dicken Eis ist bekannt für seine extremen Wetter-Bedingungen. Deshalb wieder mein altbewährtes Motto: leicht und schnell. Ohne motorisierte Hilfe von außen (weder Flugzeug noch Snowmobil) konnte die Überquerung eines der größten nicht-polaren Eisfelder der Erde von Atlin, BC, nach Juneau, Alaska am 30. April 2011 erfolgreich abgeschlossen werden.

Den Horizont als Ziel

Die Faszination geht aus von unberührter Landschaft, ausladenden Bedingungen, unberechenbarem Wetter und einem schier unendlich erscheinenden Juneau Icefields. Es ist die Generalprobe für ein noch längeres Abenteuer auf Eis. Die Herausforderung an zu nehmen, ohne motorisierte Hilfe aus eigener Kraft das Eisfeld zu überqueren, von Straße zu Straße, von Dorf zu Dorf. Alles Lebens notwendige ist in einen Rucksack verpackt, 22 kg mit Ski, Schuhen, Fellen, Zelt, Schlafsack, Kocher und Essbarem. Mensch und Natur im Wettstreit und gleichzeitig im Einklang. Der Stärkere von beiden gewinnt. Gibt es einen Gewinner? Ist die Natur die Stärkere, so bedeutet das meist das Ende für den Menschen. Wenn der Mensch es schafft, den Unbilden zu trotzen, ist er bloß um eine Erfahrung reicher, aber mit Sicherheit nicht der Gewinner über die Naturgewalten.

Eliel, mein Partner für dieses Abenteuer, und ich stellen uns dieser Herausforderung. Wir sind für 20 Tage gerüstet, das Wetter in dieser Gegend ist unberechenbar. Manchmal gibt es tagelang Schneesturm, ein Vorankommen oder Aussteigen, hunderte Kilometer weit ohne Zivilisation unmöglich. Ich habe noch keinen 24jährigen Alpinisten mit einer solchen Erfahrung kennen gelernt. Dass die Durchquerung des Juneau Icefields von Atlin nach Juneau nur 5 Tage dauern würde, ist kein Zufall.

Der 1. Tag fordert bereits alles an Ausdauer und Motivation. 45km Strecke, der mit einer 1 Meter dicken Eisschicht zugefrorene Atlin Lake, waagrecht mit 20kg am Rücken, null Wind und Plusgrade. Zumindest die ersten 35km, danach gab es starken Gegenwind und statt 7km/h waren es nur mehr 3km/h, mit denen wir voran kommen. Vom See das Festland betretend versinken wir im Faulschnee. Ein kurzer Versuch, doch noch etwas weiter zu kommen, wird nach einigen Metern verworfen. Zu schwer und tief der Schnee und die Flussquerungen zu gefährlich. Wenigstens finden wir einen windgeschützten Platz, um unser Zelt auf zu bauen, ein wunderschöner Platz. Die Bärenspuren beunruhigen uns nicht. Gekocht wird etwas abseits und den Proviant hängen wir zwischen zwei Bäumen auf. Nach unserem Abendessen kriechen wir in unser kleines Zelt und lauschen der Stille, die nur durch den Wind und ein paar Vögel gebrochen wird.
Tagesresultat: 45km, 0 HM, 7 Stunden

2.Tag
Die Nacht war klar und kühl und hat den Schnee hart gefroren. Das ist perfekt für unser Vorankommen. Wir starten noch bevor die Sonne heraus kommt. Wir verzichten auf das Frühstück, um besser durch das Tal zu kommen. Die ersten Kilometer gehen wir ohne Felle, so können wir die Eis- und Schneebrücken über den Fluss mit Anlauf nehmen. Zum Glück sind noch solche Brücken vorhanden, ansonsten müssten wir wohl durchs kalte Wasser. Das Buschwerk ist einfach zu durchqueren und alles läuft wie geschmiert. Wir machen Rast, Frühstück, die Sonne scheint uns mittlerweile auf den Kopf. Wir fellen auf.

Hoboe Creek, das Tal wird zu einer engen Schlucht. Durch die lange Sonneneinstrahlung auf die braunen Felsen links und rechts, die die Wärme gut speichern und reflektieren, gibt es hier kaum noch Schnee und zu guter Letzt auch keine Schneebrücken mehr. Teils zu Fuß, kletternd und von Stein zu Stein hüpfend, kommen wir nur langsam voran. Zum Glück ist noch wenig Wasser, sonst wäre ein weiterkommen nur im Neopren möglich. Was allerdings erschwerend hinzu kommt: die Steine im Wasser sind von einer Eisglasur abgedeckt. Eliel rutscht bei der letzten Querung aus und fällt in den Bach, Stöcke und Skier schwimmen flussabwärts, Wasser läuft in die Skischuhe und die Kleidung wird gewaschen. Nichts passiert, alles Equipment gefischt, nur die Schuhe? Wir können nicht warten bis sie trocknen – umkehren? Auf keinen Fall! Eine Nacht bei -10 Grad im Zelt könnte zum Problem werden. Ich weiß von einer Hütte am Eisfeld, die für Eisforschungszwecke errichtet wurde und mitten am Lywelin-Gletscher auf einer Felszunge steht. Camp 26 heißt es zu erreichen. Aus der Schlucht draußen muss noch ein See gequert werden. Ich betrete ihn als zuerst, Eliel hat etwas Respekt bekommen und wartet, bis ich am anderen Ufer am Beginn der Gletscherzunge stehe.

1,20 Meter Schneedecke müssen reichen, um seilfrei gehen zu können. Selbst die Steigfelle werden wieder im Rucksack verstaut. Windstille. Hunderte Meter Eis unter uns. Und so kommen wir gut voran. Eliel kämpft nicht nur mit den warmen Temperaturen und der Sonne, sondern auch mit dem Gewicht der vollgesaugten Skischuhe.  So kommt es, dass ich die Hütte 40min vor ihm erreiche. Ich sehe von Eliel nur einen winzigen schwarzen Punkt am ewigen Eis. Wahnsinn, solche Dimensionen. Das Beste kommt noch: die Hütte des Institute of Geological and Arctic Science ist in gutem Zustand und sogar mit einem Ofen und Holz ausgestattet, für den Notfall, und in diesem Fall für Eliel. Die Freude ist groß, als das Feuer an ist und die Schuhe vor sich hin trocken.
Heute: 30km, 780 HM, 8 Stunden

3. Tag
Beim Sonnenaufgang wissen wir, dass es ein schöner Tag werden wird. Strahlend blauer Himmel, kein Wölkchen und „noch“ relativ kühl. Wir beginnen mit einer kleinen Abfahrt, von der Anhöhe auf der die Hütte steht hinunter, ehe es wieder ohne Steigfelle stetig bergauf zum höchsten Punkt des Juneau Icefields geht. Unendliche Weiten, immer den Horizont im Visier.

Es wird richtig warm und kein Lüftchen, das uns etwas kühlen würde. Minus 3 Grad und wir verglühen fast. Alle 3 Stunden schmelzen wir Schnee, um genügend trinken zu können. Der Schnee ist bereits sehr weich, als wir den höchsten Punkt, genauer gesagt den dicksten Punkt des Eisfeldes erreichen. Über 1300 Meter dickes Eis haben wir unter unseren Füßen. Zur USA-Grenze sind es noch 400 Meter. Ab dort sollte es dann etwas bergab gehen und somit leichter und schneller. Fehlanzeige. Der Schnee ist zu weich und das Gefälle zu flach, um abfahren zu können. Wieder unendlich scheinendes Weiß, weiterhin haben wir den Horizont als Ziel. Der Mund, der Gaumen sind ausgetrocknet, wir kochen Suppe. Das Wetter ist so perfekt, dass wir der Sonne den Rücken zudrehen und Essen.

Unser weiteres Ziel? Gehen, Gehen Gehen, immer Richtung Horizont. 12 Stunden sollten es heute werden. Nach ewigem gerade aus und leichtem bergab entschließen wir uns über einen kleinen Sattel zu gehen, was uns etwas Abwechslung bringt. Der Aufstieg macht richtig Freude. Oben angekommen, genießen wir den Ausblick im Abendlicht. Irgendwo am anderen Ende des Gletschers erspähen wir eine weitere Hütte, sogar mehrere Hütten der Juneau Icefield Forschung. Nun gab es also 2 Möglichkeiten: das Zelt an Ort und Stelle auf zu stellen und zu kochen beginnen, sodass wir in unseren Schlafsäcken liegen, sobald die Sonne weg ist. Oder Kilometer machen und pokern, dass es unter den Hütten eine gibt, die offen ist. Über tiefen Firn fahren wir 100 Meter bergab, um wieder am Eisfeld gehen zu können. Genial! Eineinhalb Stunden später stehen wir bei den Hütten und es gibt sogar einen kalten kleinen Unterschlupf, wo wir die Schlafsäcke ausbreiten, kochen und sogar aufrecht stehen können.
Tagesfazit: 43km, 540 HM, 12 Stunden

4. Tag
Nachdem gestern Ausdauer und Durchhaltevermögen gefordert waren, verlangt uns der heutige Tag alles Geschick im Umgang mit Karte, Kompass und GPS ab. Nach 6 km stehen wir im sogenannten „White Out“. Schneefall, Nebel, Wind, weiß auf allen Seiten, sodass es mir oft sogar schwer fällt, einfach nur gerade aus zu gehen. Erschwerend dazu kommt, dass heute die technisch schwierigste Etappe ansteht. Um nach Juneau zu kommen, müssen wir über vier Übergänge, die sehr kurz aber steil sind, an Gletscherspalten vorbei, und zwei steile, mit Felsen durchsetzte Flanken traversieren, um auf den nächsten Gletscher zu kommen. Es gibt nur diesen einen Weg, um ans Ziel zu kommen. Wir sehen keine 5 Meter, wie blind geht es nur mühsam voran. Immer wieder Karte lesen, Marschzahl einstellen, Punkte errechnen und Wegpunkte im GPS speichern, um in der Not zumindest zurück zu finden. Es ist blindes Vertrauen zueinander, obwohl wir uns erst seit ein paar Tagen kennen. Meine hartnäckige Suche der letzten Wochen nach einem neuen Partner (denn der geplante ist leider abgesprungen) und zusätzlich das Verbot meiner Freundin, alleine übers Eisfeld zu gehen, brachten Eliel und mich zusammen. Den Horizont als Ziel – auch den geistigen Horizont als Ziel. Körperlich sind die heutigen 40km keine Herausforderung, zudem der Rucksack schon leichter geworden ist und wir alle Kleidung am Körper tragen. Die Abfahrten sind langsame Rutschpartien und nach der ersten Traverse stehen wir vor den aus dem Nichts erscheinenden Felsen. Ein einziges Mal können wir an diesem Tag sehen, wo wir uns aufhalten.

Wir entscheiden uns, nicht hier zu bleiben, denn das pazifische Küstenwetter kann noch schlimmer werden. Jeder heutige Kilometer mehr verschafft uns mehr Zeit für den eventuellen letzten Tag. Wir wissen außerdem von einer weiteren Hütte auf unserer Route und pokern ein zweites Mal. Ohne Verzeichnung in der Karte, ohne Koordinaten, nur mit der Vermutung wo sie sein könnte und mit viel Gefühl könnten wir sie finden. Heute Morgen sind wir spät gestartet sind, und trotz des langen Tageslichts in diesen Breiten ist es fast dunkel, als vor uns ein kaum erkennbares Hüttchen auftaucht. Erst müssen wir den Eingang frei schaufeln, um nach 11 Stunden Blindflug endlich klare Konturen erkennen zu können.
Tagesetappe: 40km, 700 HM, 11 Stunden

5. Tag
Eigentlich haben wir für heute mit dem schlimmsten gerechnet: einen Tag pausieren zu müssen. Lange stecken wir in unseren Schlafsäcken und warten auf etwas Sicht. Eine Abfahrt durch einen zerrissenen Gletscher steht an. Irgendwo nach zwei Drittel müssen wir raus und rauf auf einen Sattel. Über der senkrecht abfallenden Schlucht des Lemon Creek muss dann traversiert werden, um im richtigen Moment die einzige mögliche Chance zu nützen, durch den Dschungel im Creek zu kommen. Als wir die Wolkenschicht nach unten durchstechen, eröffnet sich uns der erste Blick aufs Meer. Die Basis steigt noch ein wenig und der Wind bläst die Nebelfetzten hin und her. Wir starten durch und nach 2 ½ Stunden sind wir am Lemon Fluss. Ab jetzt sollte es laut Recherchen einen Trail geben. Wir wühlen uns durch Faulschnee, stachelige Sträucher und Dschungel bis zum Fluss, um diesem ins Tal zu folgen.

Von Stein zu Stein hüpfend, bis diesmal ich im Wasser stehe. Der rechte Skischuh ist randvoll gefüllt, der linke zu Hälfte – egal, weiter. Jetzt können uns nicht mal mehr umgestürzte Mammut-Bäume stoppen. Wir finden das Steiglein und ehe wir uns versehen stehen wir am Parkplatz eines Einkaufszentrums in Juneau. Wow: geschafft! Es regnet. Eigentlich sind wir geschockt, dieses Abenteuer nach so kurzer Zeit geschafft zu haben und nun mitten in der Zivilisation zu stehen. Illegal in den USA zu sein und als Kriminelle zu gelten, weil es für Abenteurer wie uns keine Gesetze gibt. Autos und Lärm. Was bleibt ist mehr als nur die Erinnerung an eine 5-tägige Eisfeld-Durchquerung.
Tagesresultat: 15km, 0 HM, 4 Stunden

In den letzten Tagen habe ich einen neuen Freund im ewigen Eis gewonnen und gemeinsam haben wir allen Unbilden der Natur getrotzt. Wir sind eine Erfahrung reicher. Dem Horizont sind wir ein Stück näher gekommen, und auch ein wenig dem kurzweiligen Triumph im Kräfte-Messen zwischen Mensch und Natur.

Leider hat an diesem Tag die Natur mir einen Freund im Eis genommen. Eine Gletscherspalte am anderen Ende des gleichen Eisfelds, in der selben Natur, die wir so lieben, die wir uns so mühsam Stück für Stück erarbeitet haben. Ruhe in Frieden, Leo.