Hike and Fly Chile und Argentinien

Wir waren wieder unterwegs: von 15. Oktober bis 10. Dezember 2013 begaben Barbara und ich uns auf eine Gleitschirm-Reise der besonderen Art: Hike & Fly – die spannende Kombination aus Wandern und Paragleiten. Als Höhepunkt der Reise war meine Überschreitung des Aconcagua geplant. Weite Landschaften und hohe Berge versprechen abwechslungsreiche Ein- und Mehrtages-Touren. Voraussetzung dafür war, wie immer, leichtest möglich unterwegs zu sein, wobei uns die Miniwings „SuSi“ von AirDesign besonders entgegen kamen.
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Eine Reise mit scharfen Ecken und Kanten – oder besser bockig und stürmisch? Haushohe Kakteen, Vulkane in allen Größen, Steppe, Salzseen und viel Erlebnis-Potential, auf das wir am Ende nur teilweise zugreifen konnten. Aber zuerst zum Anfang:

Beim Blick aus dem Flugzeugfenster auf das faszinierende Farbenspiel der trockensten Wüste der Welt freuen wir uns auf ein paar Tage thermodynamisches Flugvergnügen, zur Einstimmung auf unsere bevorstehende Reise. Die wahren Freaks lotsen den Taxi Fahrer vom Flughafen Iquique aus gleich direkt zur Düne nach Palo Buque, während wir erst mal entspannt Quartier beziehen und den Blick aufs Meer bei frischem Fisch genießen. Denn wir wissen, was uns erwartet. Während der nächsten Tage nützen wir die einwandfreien Bedingungen, die jedes Fliegerherz höher schlagen lassen: die Mischung aus thermischen Bedingungen und Meeresbriese machen Streckenfliegen entlang der Küste in und um Iquique zum reinsten Vergnügen. Die Milliarden von herrenlos herum fliegenden Plastiksäcken machen dabei jeden Windanzeiger überflüssig. Wir nützen die Stärken unserer AirDesign SuSis, vor allem beim Starten bei starken Ablösen und beim Fliegen entlang der Sanddünen. Iquique at it´s best.

Busfahrt San Pedro de Atacama – Salta
Die Strasse über den Paso de Jama mit dem Grenzposten zwischen Chile und Argentinien auf ca. 4.500 Meter führt uns durch eine einzigartige andine Wüstenlandschaft mit abwechselnd bewachsenen Abschnitten mit klassischem Andengras, violetten Blümchen, niedrigem Buschwerk oder einfach Sand und Stein. Ein Farbenspiel von vielen verschiedenen Ockertönen, manche mehr rötlich, andere grün. Riesige Salzflecken, Büßereis auf 4.000 Meter, teilweise zugefrorene Lacken mit türkis schillerndem Wasser, dazwischen Herden von Alpacas, und man fragt sich wovon sie sich hier oben ernähren. Selbst im einigermaßen klimatisierten Bus trocknen unsere Schleimhäute aus, woran ich, Günter, mich einige Wochen später während meines Aufstiegs auf den Aconcagua erinnern werde. Immer wieder trinken wir ein paar Schluck Wasser, um die Höhe besser zu vertragen. Die Luft flimmert, Falken kreisen. Wehmut kommt auf beim Anblick der Hügel und Vulkankrater. Bei Sonnenaufgang von einem dieser Trichter zu starten und über die bunten Hänge zu fliegen hätte bestimmt Spaß gemacht. Wir aber müssen weiter, in die nächste größere Stadt, um ein paar Sachen zu organisieren bzw. wieder zu beschaffen, da uns in der Zwischenzeit Teile unseres Gepäcks während eines wahnwitzigen Ablenkungsmanövers gestohlen wurden.

Diese nächste größere Stadt heißt Salta, im Nordwesten Argentiniens gelegen. Für Hike&Fly der perfekte Spielplatz, das wird in Zukunft in dieser Gegend der Renner sein. Noch sind die Locals unseren leichten Miniwings gegenüber skeptisch. Aber Aufstiege von durchschnittlich 1,5h mit 2L Wasser, etwas zu Essen und warmer Kleidung für die Basis machen die herkömmlichen Säcke sauschwer. Nur wenige Plätze sind mit geländegängigen Autos erreichbar.

Im feinen Vorort von Salta, San Lorenzo, ist an Wochenenden El Elefante beliebter Treffpunkt der einheimischen Piloten. Nach 1-stündigem Aufstieg betreiben wir hier an mehreren Tagen fröhliches Hike&Fly. Das breite Tal, in dem sich Salta von Jahr zu Jahr immer weiter ausbreitet, kanalisiert ab Mittag den Wind, und bei potenter Frühlingsthermik gemischt mit Windstärken bis zu 30km/h sind wir mit unseren schnellen SuSis klar im Vorteil. Eines Tages kugelt Barbara während des Aufstiegs mit einem großen Stein den Abhang hinunter. Es folgen ein abenteuerlicher Transport mit der Ambulanz, Krankenhausaufenthalt, Klaustrophobie auslösende Magnetresonanz-Verfahren usw. Fazit: Barbara wird während dieser Reise wohl nicht mehr fliegen und auch sonst nicht viel tun können, und ich werde als Packesel während der restlichen vor uns liegenden Reisezeit das gesamte Gepäck schleppen. Und unseren ursprünglichen Reiseplan müssen wir aufs nächste mal verschieben.

Nach ein paar Tagen Krankenpflege juckt es mich schon wieder in den Flügerln, denn auch die Streckenflug Möglichkeiten dieser Region sind nicht zu verachten. Allerdings sollte man im Argentinischen Frühling auf richtige Hammerthermik gefasst sein und das Vario leise schalten, denn der durchgehend schrille Ton könnte leicht nervig werden. Nach einer abenteuerlichen Fahrt auf einer Schotterstraße gehen wir die letzten 300 Meter zu Fuß zum Startplatz auf 3.100 Meter. Der Blick über diese grünbraune, karge, andine Schlucht ist einzigartig. Hier, an der Cuesta de Obispo südwestlich von Salta, orientiert man sich an den Meistern: den Kondoren. Wenn sie fliegen muss es passen, denn sie sind faul und machen keinen Flügelschlag zu viel. Vormittags warten sie, auf Felsen sitzend, auf die aufsteigende Luft. Heute sehen wir verschiedene Vogelarten, die in den Bärten drehen. Leider versetzt es sie in eine Richtung, die uns beim Aufstieg bereits klar macht: wir werden nicht starten können. Wir befinden uns im Lee eines vorgelagerten Massivs und der Wind bläst mit ca. 40km/h aus einer für uns ungeeigneten Richtung.

Einer unserer Versuche eine neue Kamera zu kaufen (nach dem Diebstahl unserer eigenen), ist besonders typisch: ein Herr steigt aus seinem Auto aus, die Frau bleibt sitzen. In Argentinien bleiben viele Frauen im Auto sitzen, und die Männer machen die Geschäfte. Er möchte uns seine Kamera verkaufen, mit dem gefälschten Logo einer international bekannten Marke. Zuerst wird geredet, geschwatzt, irgendwann wird dann verhandelt, und dabei wieder erklärt, dann wird Mate getrunken und wieder geredet. Am Ende kaufen wir die Kamera nicht, aber dem Mann und uns ist das egal, man hat auf jeden Fall neue Menschen kennen gelernt, Neuigkeiten erfahren, weiß nun, wo es dieses und jenes günstig zu erstehen gibt. Und nach einer Stunde konsequenten um-den Brei-herum-redens kehrt der Mann zu seinem Auto zurück. Die Frau sitzt noch immer am Beifahrersitz und das Kind schläft ausgestreckt auf der Rückbank. Kindersitz gibt es keinen.
Einige Tage später finden wir im Argentinischen ebay eine passende Kamera.

La Zanja ist ein herrlich gelegenes Hochplateau mit einer sanft ansteigenden breiten Flanke, auf der es sich schön soaren lässt. Zuerst heißt es in Hike&Fly-Manier ein paar hundert Meter aufsteigen, bis wir zwischen Steinen und verdörrtem Buschwerk am richtigen Platz zum auslegen stehen. Einige Piloten spielen im rasch stärker werdenden Aufwind, bevor die Bedingungen zu stark werden und wir bei Empanadas, Mate und Fachsimpelei den Nachmittag ausklingen lassen. Wieder einmal ist die SuSi zentraler Punkt der Gespräche.

Auch wenn ich bei 42km/h Wind mit der 18er SuSi an der Soaring-Kante La Loma einfach Spaß habe. Die Locals stehen oft und gern mit argentinischer Ruhe und Gelassenheit und Mate am Boden. Ausgerechnet eine argentinische Pilotin ist die erste Einheimische, die mit der SuSi in die Luft geht. Für uns steht fest: wir müssen beim nächsten mal wieder in den Norden, mit mehr Zeit und Glück.

In La Cumbre in der Provinz Cordoba fahre ich zum Startplatz Cuchi Corral. Zwischen den ortsansässigen Tandem-Piloten läuft seit Jahren der Wettstreit, wer den Rekord über die 11km Staubstraße von der Abzweigung an der Ruta 38 bis zur Rampa hält. Von Fotografien sitzender Kondore kennt man die hässlichen Köpfe und Hälse der Tiere. Aus nächster Nähe aber sehe ich hier die eindrucksvolle Figur, die sie während ihres Flugs abgeben. Teilt doch tatsächlich ein Kondor mit mir den gleichen Bart, und nach ein paar Kreisen überholt er mich mit fünf Metern Abstand. Riesengroß, die Federn der Flügelspitzen weit gespreizt, steigt er völlig ruhig an mir vorbei. Ich grüße und bedanke mich bei ihm für den ehrenwerten Besuch seiner Majestät.

Dann geht es für mich auf nach Mendoza und Richtung Aconcagua. Ich und mein Kollege sind bald dran in dieser Saison, wir haben die Permits Nummer 27 und 28. Beim letzten Aufenthalt in diesem Tal hat es Barbara und mich fast mit dem Auto verblasen. Diesmal scheint alles perfekt für einen Aufstieg: am Eingang zum Nationalpark ist es rundum sanft grün, blauer Himmel, Sonne, Windstille und angenehm warm. Doch das sollte sich bald ändern. Das freundliche Wetter hält nur 3 Tage, in denen wir gemütlich bis zum Basislager auf 4.400 Meter spazieren. Hier ziehen bald Windböen bis zu 70 km/h durch und es kühlt ab. Anfangs lässt die Vorhersage auf nachlassenden Wind Mitte der Woche hoffen, und wir machen uns auf zum 1er-Lager auf 5.500 Meter, um ein Depot mit Essen, Gas, Ausrüstung usw. ein zu richten. Selbst bei blauem Himmel und Sonnenschein hat es hier minus 15 bis minus 20 Grad und auf Gipfelniveau liegen die Windwerte jenseits von 100km/h. Wir  verziehen wir uns wieder in niedrigere Lagen. Start- und Landeplätze gäbe es hier genug, Sand- und Schneehänge, eine lange Ridge und ein ausgetrocknetes Bachbett am Talboden würden gute Voraussetzungen bieten.
Zur Akklimatisation besteigen wir in den nächsten Tagen zwei andere Berge um 5.200 Meter. Der Wetterbericht korrigiert während dieser Tage die Windwerte täglich nach oben, uns laufen die Zeit davon und das Permit ab. Um unser Depot nicht hinten zu lassen, starten wir bei wenig realistischen Chancen den zweiten Aufstieg zum 1er-Lager, wo allein das Zelt auf zu bauen bereits eine Kunst und die Nacht dem entsprechend kalt und stürmisch ist. Am nächsten Morgen stürmt es immer noch, und wir treten unverrichteter Dinge den Rückmarsch an. Als ich Barbara in Mendoza treffe, erschrickt sie beim Anblick meiner völlig ausgetrockneten Haut, die sich in Platten von meinem Gesicht samt Ohren schält. Das sind die Nachwirkungen der staubigen Trockenheit rund um den höchsten Andengipfel.

Wir machen uns auf den Weg nach Santiago de Chile und in das Küstendorf Maitencillo, wo wir die letzte Woche unserer Reise gemütlich verbringen. Hier erwarten uns Fliegen gemeinsam mit Pelikanen an der 70 Meter hohen Küste und die chilenische Gastfreundlichkeit. Einer der Locals überlässt mir bei schwachen Windbedingungen sogar seinen nigelnagelneuen Schirm, damit ich an diesem Tag zu ein paar Flugminuten komme. Lustig wird es in den nächsten Tagen, nämlich dann, wenn die herkömmlichen Flügel zu langsam sind. In gebrochenem Englisch will mir ein chilenischer Pilot erklären, wie ich fliegen müsste, nachdem er mich am Vortag bei wenig Wind am Strand landen gesehen hatte. Er versteht nicht, was ich mit der SuSi hier will. Als er mich am nächsten Tag bei 35-45km/h vom Boden aus beobachtet, meint er nach unzähligen Touch-and-Goes, Wingovers und meiner x-ten Top-Landung zu mir: now I understand – looks like fun!

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